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„Ich stehe dort, wo ich das Ganze übersehe, und Sie vollziehen schweigend, was ich befehle!" herrschte mich der Feldherr zurechtweisend an.

Kossuth trat vermittelnd herzu und verlangte wiederholte Auskunft über die Details unserer Stellung und der damit verbundenen Nachtheile. Mir aber fehlte bereits die nöthige Fassung zu einer wiederholten umständlichen Erörterung alles dessen. Ich antwortete kurz und barsch: die Dispositionen seien derart, daß ich die Verantwortlichkeit für die Folgen derselben nicht auf mich laden möchte, und ritt, ohne des Präsidenten Vermittelung abzuwarten, eilends wieder zu meiner Brigade zurück.

Die unserm riesigen Intervalle gegenüber bemerkten feindlichen Abtheilungen schienen während meiner Abwesenheit bedeutend näher gerückt zu sein. Schärfere Augen als die meinen erkannten, daß es Cavalerie sei.

Ich hatte nur sechs Züge vom 10. Husarenregimente (Wilhelm) zu meiner Disposition.

Das Honter Freiwilligen- und das Gömörer Nationalgarden-Ba taillon bildeten die Flanke (links) meiner Hakenstellung, und zwar standen sie südlich eines tief eingeschnittenen Feldweges, welcher Schwechat in der Richtung gegen Rauchenwarth verläßt. Dieser schien mir ein hinreichendes Hinderniß gegen eine Cavalerie-Attaque auf meine linke Flanke; und ich zog daher die genannten Bataillons auf das nördlich desselben gelegene Terrain zurück.

Die Stellung meiner Brigade (sie bestand an diesem Tage aus 4 Bataillons, 8 Geschützen und 6 Zügen Husaren) war sonach folgende:

Am rechten Flügel zunächst der Chaussee stand das Nögräder-, links neben diesem zwei Geschütze, dann das 1. Pester FreiwilligenBataillon; diese Abtheilungen machten Front gegen Schwechat. Links rückwärts stand das 1. Pester und im Haken mit diesem das Honter Freiwilligen-Bataillon, Front gegen Zwölfaring; links neben diesem die Gömörer Nationalgarden; dann abermals zwei Geschütze. Die Cavalerie war wegen der Unverläßlichkeit des Fußvolks blos zur Deckung der Geschütze da.

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Vier Pieeen der letztern hatte Pusztelnik in der Absicht von mir entlehnt, um mit denselben weit außer dem Bereiche meiner Stellung die Verlängerung des südöstlichen Ausganges von Schwechat aufzusuchen, und durch Ensiliruug desselben das Debouchiren des Feindes an diesem Punkte möglichst zu hindern. Ich sah diese Geschütze erst am nächsten Tage wieder! Der Feind debouchirte aber dessenungeachtet, und überraschte uns mit einem, auf so nahe Distanz wahrhaft mörderischen, dem meiner vier Geschütze weit überlegenen Artilleriefeuer.

Gleich durch die ersten Schüsse brachte er meine Bataillons in heillose Verwirrung. Die Gömörer liefen zuerst davon. Ihnen folgten die Honter, nachdem sie ihren Commandanten, der sie aufhalten wollte, sammt seinem Reitpferde über den Haufen geworfen hatten. Nur mit der äußersten Anstrengung gelang es diesem, sich aus dem Knäuel der in panischen Schrecken übereinander stürzenden Reihen herauszuarbeiten. Auf meinen Befehl eilte er seinem fliehenden Bataillon voraus, um es außer dem Bereiche der feindlichen Batterien wo möglich zu ral- liiren und wieder vorzuführen.

Einstweilen hoffte ich den Platz mit dem noch standhaft voraus gesetzteu 1. Pester Bataillon zu behaupten; dann aber wollte ich einen Sturm auf die feindliche Batterie versuchen. Meine Bataillons hatten ja unzählige Male gelobt, daß sie mir in den Tod nachsolgen würden! Auf die Rückkehr der Gömörer Nationalgarden verzichtete ich gleichwohl im vorhinein.

Während der ersten Minuten der feindlichen Kanonade ausschließlich mit den Hontern beschäftigt, übersah ich, was mittlerweile bei dem 1. Pester Bataillon vorging. Nun fand ich auch dieses bereits in Unordnung, und seinen Commandanten, den Nationalgarde-Major Grafen Ernst Almässy in Folge der anstrengenden Versuche, es beisammen zu halten, fast außer sich vor Erschöpfung. Ich sah augenblicklich die Unmöglichkeit ein, mit diesem Bataillon die Stellung noch so lange zu behaupten, bis die Honter wieder da wären: und dennoch glaubte ich wahnwitzigerweise dasselbe zu einem Sturme auf die feindlichen Batterien begeistern zu können. „Vorwärts! Vorwärts gegen die Kanonen!" schrie ich den Wankenden zu, und der Hauptmann Gözon des Bataillons ergriff die Fahne, eilte mit derselben gegen den Feind bei funfzig Schritte voraus, pflanzte sie in den Boden, und rief in ungarischer Sprache: „Hierher Magyarc! hier weht dein Banner!"

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Dreißig bis vierzig der Muthigsten folgten dem herzhaften Manne. Allein während sich diesen die vordern Reihen der Masse nur zögernd anschlossen, sielen die rückwärtigen immer mehr ab, und nach wenigen Minuten glich das Bataillon einem unförmlich langgestreckten Reptile, denn die Meisten krochen auf allen Vieren von dannen, während die aufrecht Fliehenden über Iene hinstürzten. Vergebens schwang Hauptmann Gözon die wieder emporgehaltene Fahne hoch in den Lüften, und erschöpfte sich in begeisternden Zurufen; vergebens hieben endlich der Commandant des Bataillons mit seinem Adjutanten in die Fliehenden ein: diese waren nicht mehr zu halten, und selbst jene Wenigen, die auf Gözon's ersten Anruf vorgesprungen waren, fielen nun rasch nach einander wieder von ihm ab, und bald stand er mit der Fahne allein da.

Ich ritt an ihn heran, reichte ihm als Zeichen meiner Achtung vor seinem Heldenmuthe die Hand, und empfahl ihm die Rettung der Fahne.

Ungleich mehr aber war mir an der Rettung meiner Geschütze gelegen. Die des linken Flügels waren bereits von den flüchtigen Bataillons mit fortgerissen worden. Nnr die am rechten Flügel standen noch.

Mit ängstlicher Sorge eilte ich nun dahin, und herrschte den Bat teriecommandanten an, was denn er ganz allein noch da wolle. Er entschuldigte sich, daß er keinen Befehl zum Rückzuge erhalten habe.

„Nun so machen Sie, daß Sie fortkommen", rief ich, in meiner Aufgeregtheit den stoischen Muth ganz übersehend, welcher in dieser Entschuldigung ausgesprochen lag.

Allein der Mann hatte Fischblut in den Adern. „Es sind noch einige Patronen da", erwiderte er im böhmisch-deutschen Dialekt; „darf ich diese nicht früher noch verschießen?" Ich schämte mich fast vor diesem Manne meiner Aengstlichkeit. Aergerlich darüber gab ich eine einwilligende zwar, aber rauhe Antwort, und wandte mein Pferd l. t»

gegen die Chaussee,' um zu sehen, wie es mittlerweile meinen Neben brigaden ergehe.

Das Nögrader Freiwilligen Bataillon rechts rückwarts der Geschütze hatte ich längst davongelaufen vorausgesetzt. Meine Ueberraschung war daher unbeschreiblich, als der erste Blick nach jener Gegend auf die geschlossene unbewegliche Masse siel.

Es stand in der Richtung des heftigsten Feuers der feindlichen Batterien, obschon in einer sanften Terrainvertiefung gegen dasselbe gedeckt. Diesen Umstand übersah ich jedoch im ersten Momente, und glaubte somit ein Heldenbataillon vor mir zu haben. „Rücken Sie rasch vor, um den Abzug der Geschütze zu decken, und dann machen Sie die Arrieregarde!" rief ich ermuthigt dem Commandanten zu, und meinte Wunder was ich mit solchen Helden noch alles ausrichten würde. Welche Enttäuschung! Kaum war das Bataillon aus seinem Verstecke heraus, und den Kugeln der feindlichen Batterie blosgegeben, so schrie der Commandant aus Leibeskräften: „Die Freiwilligen vor! Die Masse feuert!"

Allein die Freiwilligen blieben stecken; die ganze Masse feuerte ihre hoch angeschlagenen Gewehre auf die eben mit den retirirenden Geschützen dicht an ihrer Front vorüberziehenden Husaren ab, (zum Glück traf kein einziger Schuß) und im nächsten Augenblicke war das vermeintliche Heldenbataillon schon unterwegs, um die übrigen einzuholen. Ein einziger Mann desselben verschmähte es, sich an der allgemeinen Flucht zu betheiligen, und that dergleichen, als wollte er allein die Arrieregarde meiner ganzen Brigade machen.

Also von nahezu 5000 Mann jener Nationalgarden und Freiwilligen, über deren Tapferkeit ich bereits so viel Tiraden hören mußte; die nach ihrer eigenen wiederholten Versicherung vor Begierde brannten, sich mit einem Feinde zu messen, dessen sie nie anders als mit der äußersten Geringschätzung erwähnten, blieb mir nach einer kurzen feindlichen Kanonade ein einziger Mann! und dieser Eine war ein alter halbinvalider Soldat!

Die Entschiedenheit, mit welcher ich in Nikelsdorf dem Drängen des Präsidenten zur Offensive entgegengetreten war, bewies wohl deutlich genug, daß ich auf ein unglückliches Debut dieser begeisterten „Heerscharen" vollkommen gefaßt gewesen; allein was ich soeben erlebt, überstieg weit meine ärgsten Befürchtungen.

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Ich glaubte vor Scham ob der namenlosen Feigheit meiner eigenen Landsleute vergehen zu müssen, und wünschte die Kugel herbei, die mich vom Pferde risse!

Von meiner sonst so zahlreichen Umgebung hatten in den Augenblicken der Gefahr blos mein jüngerer Bruder und cm Qberlieutenant vom 10. Husarenregimente standhaft bei mir ausgeharrt. Von diesen begleitet verließ ich zerknirscht die Wahlstatt — den Zeugen unserer Schande — und ahnte damals nicht, daß uns noch die Ehre vorbehalten war, an sernern Kämpfen Theil zu nehmen, deren Erfolge den Siegern von Schwechat die Erinnerung an diesen Tag verbittern sollten.

Zögernd ritt ich gegen die Mitte des Centrums. Ich scheute fast den Anblick meiner Kameraden, welche ich mit ihren Brigaden noch im Kampfe begriffen wähnte. Leider hatte ich ihn nicht zu scheuen. Unsere ganze Aufstellung von Schwechat bis Mannswörth war wie weggefegt. Die übrigen Brigaden sollen, so unglaublich dies klingt, noch früher als die meine ausgerissen sein.

Gleich einer gescheuchten Heerde sah man das Gros der Armee in größter Auflösung der rettenden Fischa zueilen. Der weite Plan war mit einzelnen Fliehenden buchstäblich übersäet, nirgend, soweit das Auge reichte, eine geschlossene Abtheilung wahrzunehmen.

Es stand zu erwarten, daß der Feind seinen Sieg benutzen, hartnäckig verfolgen und die Salvirung unsers Artillerietrains über die Fischa unmöglich machen werde. Seine avancirenden Batterien be^ stätigten dies.

Nur ein verzweifeltes Arrieregarde - Gefecht konnte die Armee noch retten. Es mußte um jeden Preis etwas hierzu geschehen. Glücklicherweise hatten meine beiden Begleiter noch ziemlich frische Pferde. Ich schickte also den einen gegen Schwaadorf, den andern gegen Fischamend den Fliehenden nach, um aufzuhalten und zu sammeln, soviel nur immer möglich wäre.

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