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nad Bildung ringender, jener als ein finsterer Grübler, dieser als ein enthusiastischer Schwärmer.

Denn als ein Schwärmer giebt sich der Dichter von voru berein zu erkennen, nicht nur als ein poetismer, bei welchem eine ganze Gallerie von Eharakteren rein aus seiner Phantasie her: vorgeht, sondern auch als ein philosophischer, der nicht die Natur in fich fühlt, der vielmehr sich eine neue Wett baut. Er bat feinen Blick in das Weien und Leben des Einzelnen, wohl aber in das Wesen der Menschheit, und verliert das Ganze der: relben, die Kräfte, wodurch die Geschicke der Menschen bestimmt werden, nie aus den Augen. Sein Moor fühlt sich in ächt schwärmerischer Spannung als ein Werfzeug höberer Mächte und tritt den Teufeleien der Selbstsucht und der Klugheit des berechnenden Verstandes als Rächer entgegen. Allein die Span: nung läßt nach, und er sieht ein, daß er eben so unvernünftig gehandelt habe als sein Bruder herzlos, und daß er durch seis nen Irrthum eben so große Sould auf fich geladen habe; er bietet fic felbst als Sühnopfer car, um die strafende Gerechtig. teit zu verjöhnen.

Tritt uns hier ein Zusammenhang von Ereignissen entgegen, den der Verstand gar nicht fassen kann, und erscheinen Personen und Charaktere vor uns, die unmöglich in der Wirklichkeit sind: so fühlen wir uns dennoch feineswegs unter unheimlichen Gje: spenstern; denn die tiefe Empfindung des Dichters bat allen Blut und Leben eingegossen, und wir vermissen den Mangel an Motiven weniger, da und etwas Uranfängliches, Mytbildes ent: gegentritt, das von vorn herein allem Maß in Gesinnung und That entjagt. Wir ahnen einen Dichter, der nie eine richtige besonnene Zeichnung liefern, dagegen aber durch große Compo: fitionen und durch Glanz der Farben die Welt bestechen und bezaubern wird. Durch Neuheit, Wechsel, grelle Contrasie, fort: währende Steigerung und Aufitellung ädt poetischer Situationen wird uns dieser Dichter reizen, durch Hervorhebung des Edlen in der menschlichen Natur, das auch im Verbrecher noch lebt, uns rühren, und durch Reichthuman Geist und klangvolle Bes handlung der Sprache unser Gemütly stimmen.

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Bald nach den Räubern entstanden Fies found Kabale und Liebe, teßteres wenigstens den Hauptzügen nach schon in Stuttgart. Im Fiesto werden wir aus dem wilden Räuber: leben in den Tuinult einer Revolution versetzt. Zeigt sich die Gabe der Composition noch mehr als in den Räubern, und zus

gleich ein angeborner Blick in das Getriebe der Politik *): so beleidigt uns doch hier manches weit mehr als in den Räubern, da wir es nicht mehr mit den mythischen Räubergestalten und einer phantastischen Begebenheit zu thun haben, sondern in histo: rische Thatsachen und in eine bestimmte Zeit und Umgebung uns versett leben, so daß das Robe nnd Brutale in manchen Ges stalten und das Marionettenartige in andern grell herrortritt und auch die Sprache in dieser Umgebung oft als reiner Schwulst erscheint. In Kabale 'und liebe ließ sich der Dichter zur Gestaltung baarer Wirklichkeit der Gegenwart berab und schilderte den Zusammenstoß der Stände. Dies Stück gründet sich in reinein Hauptcharafter und in der Idee offenbar auf Erfahrungen und Beobachtungen des wirtembergischen Dichters und spricht den Ingrimm gegen die vornehme Welt rücksichtslos aus, zeigt aber deutlich, daß dieser Kreis der unmittelbaren Wirklichkeit nicht der glüdlichste für den Dichter war, da ihu sein Hang zu kühnen, heroischen Motiven und zu Schilderungen unbändiger Leidenschaften hier binderte.

Schnell batte Schiller die drei Richtungen durchlaufen, welche damals die Literatur beherrschten: die Räuber sind eine metas physiiche Tragödie und gehören in die Fausliche und Hamletische Reihe; Fiesto als heroisdes Trauerspiel entipricht den Ritter: schauspielen, und Kabale und Liebe weist als bürgerliches Trauerspiel auf den Siegwart und Werther hin. Nur inachte sich Schillers eigenthümliche Natur überall geltend, da er in jedes dieser Stücke den Staat hineinzog, was ja auch in Kabale und Liebe der Fall ist.

Schiller batte bei seinen Räubern nicht an Aufführung auf der Bühne gedacht, und als sie in Mannheim aufgeführt werden sollten, mußte er sich zu einer Uinarbeitung entschließen. Um sein Stück auf dem Theater zu sehen, reiste er zweimal beimlich nad Mannheim, erhielt deebalb Arrest und später den Befehl, nichts mehr ohne Erlaubnis des Herzogs zu schreiben, bei Androhung schwerer Strafe. Im Jahre 1782 entflod er aus Stutt: gart und lebte bis 1785 in und bei Mann beim, eine kurze Zeit auch zu Bau erbach in Franken. In seinen Erwartungen auf den Freiherrn von Dalberg, den Intendanten der Manns heimer Bühne, getäuscht, stiftete er 1784 die Zeitschrift: Rhei: nische Thalia, und hier erschienen die Anfänge des Don Car log. Im Jahre 1785 verließ er Mannheim und folgte der Einladung zweier Freunde nach Sachsen, wo er (erst in Leipzig, dann in Dresden) drei Jahre lang verweilte. Diese Uebersiedlung nad Sachsen war für Schiller äußerst wichtig; denn er hatte aud zu Mannheim großentheils in unsihicklicher Gesellschaft gelebt; jekt erhielt er an seinem Körner den Freund, der auf ihn ganz dieselbe Einwirfung hatte, wie Herder auf Göthe. Durch Körner wurde er in nähere Bekanntschaft mit dem Geiste des Alterthums gebracht; durch ihn erhielt er die erste Kunde von den Ergeb: nissen der Kantischen Lehre, die seiner idealen Richtung, welche immer den Geist über die Natur feste, außerordentlich zusagen mußte.

*) Als biftorifdes Stüd Ateht Fiesto über allen geschichtlichen Dramen

der Zeit, und aud über Göß von Berlidingen; es fehlt ihm aber alle Wahrheit der Poesie.

$. 131, Schillers zweite Periode. Im Jahre 1787 erschien endlich der ganze Carlos, an welchem er fünf Jahre gearbeitet hatte. Dieses Stück, welches ursprünglich das Wesen des bürgerlichen und des historijden Drama's vereinigte, weshalb es der Dichter ein fürstlines Fa: miliengemälde nannte, war, wie die früheren Schauspiele, in Proja angefangen worden. Die Umarbeitung in Jamben geschah ohne Ziveifel auf Körners Nati), mit Hinweisung auf Leslings Nathan. Nathan hatte aber auch noch wichtigern Einfluz auf den ganzen Charakter der Dichtung, da im Verlanf der Arbeit der eigentliche Held Carlos vor der Gestalt des Pose weichen inufte; und wie Leisings Drama Teinen Mittelpunkt findet in der Erzählung Na: thans von den Ringen: ro erhielt der Schiller'ithe Sarlos seinen Kern und Mittelpunkt in der Unterredung Poja’s mit Philipp. In der ursprünglichen Anlage wäre Carlos ein Seitenstück zu Göthe's Stella geworden, hätte die Rechte der Natur und der Leidenschaft gegen Convenienz und Sitte vertreten und wahrschein: lich einen eben 10 peinlichen Eindruck gemacht wie Stella; jest entstand ein Seitenstück zu Nathaa, welches die Freibeit des Gedaufens und die Pflichten der Fürsen feurig predigte. Alle frübern poetischen Richtungen Schillers, die philosophische, die historische und die empfindjame, vereinigten sich hier in einem Werfe, welches zugleich zweien Perioden des Dichters angehört, da in dem frühern Theile noch alles braust und gährt, während in den letten Aften große Mäßigung herrscht. Seis nen Gegenstand hatte Schiller freilich nicht bewältigt und zu raster dramatischer Entwicklung gebracht; dafür aber alle Ideen von Freibeit und umanität, welche in den Gemütbern schlummerten, in reelenvoller und prachtvoller Rede zum Bewuste seyn gebracht. Die Phantasie tritt hier nicht als rein gestaltende Kraft auf, wodurch der Stoff feine Form erhalten bätte, sondern verband und verknüpfte bloß einen Inhalt, der durch Gefühl und

Reflerion bereits völlig verwandelt worden war; der fünstler trat in dem Dichter zurück, die Gewalt des Sånger 6 und die Gabe des Seners desto glänzender hervor. Carlos wirft vor: erst als ein großes Lied, als eine begeisterte Rede; als Drama eigentlich bloß durch den Reichthum ächt poetischer Situationen. Die Kritiker schüttelten den Kopf, indem sie den Maßstab des Drama's anlegten; die Laien hingegen vergaßen die Zusammenhangslosigkeit des Stückes und hielten sich an das, was diese Menschen dachten und sprach en.' Ju dem gleichen Jahre mit Don Carlos erschienen die Schauspiele der Brüder Stol. berg, welche ebenfalls auf Freiheitsideen gegründet waren, ebenfalls in Reflerien und Lyrik das dramatische Element auflösten, aber spurlos verballten, weil sie nur Ideen gaben und nicht we often. Aber auch das merkwürdige Buch Dya-Na-Sore oder die Wanderer erschien im Jahr 1787; der Verfasser, Friedr. Meyern, (1762 – 1829) war ein ähnlicher Geist wie Schiller, hatte sich wie dieser im Drama versucht, gelangte aber nie zu einer Herrschaft über die Form und zu fester Gestaltung des Stoffes. Auch in jenem Romane zersprengen die Recen und Gespräche den ganzen Rahmen der Begebenheit; man nahm aber das Buch eben so begeistert auf wie Don Carlos, und dieser, Dya-Na-Sore und Nathan wurden geradezu das humane Evans gelium vieler Zeitgenossen; es war damit eine Poesie begründet, die sich an Kulturideen auf's engste anlehnte.

Bald nach Vollendung des Don Carlos, im Sommer 1787, verließ Schiller Dresden und wählte Weimar zu seinem Aufent: baltsorte. Göthe war in Italien; freundlich und väterlich nahm Wieland ihn auf, fälter Herder, der vor dem Dichter der Räu: ber einiges Entieben fühlte. Wieland warb ihn für den Merkur, und bier erschienen denn 1788 die Götter Griechenlands. Dies Gedicht, hervorgegangen aus dem eifrigen Lesen des Vossiichen Homers und zum Theil hervorgerufen durch die poetische Wid: mung Beffens an Stolberg, sprac, wie alles von Schiller, nur eine Stimmung der Zeit aus *), aber rücksichtslos und grausam, und da auch hier die Phantasie nicht die gestaltende Kraft war, sondern Gefühl und Reflexion, während die Phantasie nur das Einzelne verknüpfte: so machte es die Wirkung des Geheimns nisvollen, des Mährchenhaften und des Empfindsamen zugleich. Es ist gegen die starre protestantische Dogmatif und gegen die Wolftiche Philosophie gerichtet, welche in der Natur nichts als einen Zusammenstoß mechanischer Kräfte sah. Das Sonder

*) Man vergl. 306. Müdlers Briefe an Bonnftetten. Br. 192. Müller

spriøt pier in Profa dieselben Gedanken aus, wie Smidler in Bersen. bare ist aber, daß Schiller nicht eine poetischere Betrachtung der Natur, eine Bermenschlichung derselben fordert, sondern daß er bloß den Untergang dieser Betrachtungsweise beklagt; aber weil er selbst sich nicht zu einer poetischen Ansicht der Natur er: heben konnte, erhielt sein Gedicht den elegiích klagenden Charaf: ter und fand vielen Anstoß. Vorzüglich fand sich Friedrich Stolberg geärgert und schrieb eine scharfe Rüge dagegen ins deutsche Museum. Daß Stolberg und andere einen Angriff aufs Christenthum darin faben: darüber darf man sich nicht wundern; hatte man doch in den Räubern eine Rechtfertigung des Räuber: lebens gefunden. Merkwürdig ist es aber, daß kein Gegner Schillern seine prosaiiche Ansicht von der Natur vorwirft, und man sieht daraus, wie die Dichter der damaligen Zeit so wenig befannt init dem deutschen Bolfsglauben und Aberglauben waren, der ja die alte Belebung der Natur befanntlich immer noch fest: hält und ewig festhalten wird.

Die lange Beschäftigung mit Don Carlos und andere Vor: Tudien hatten Schillern zu einem nähern Eingehen in die Ge: schichte des Reformationszeitalters hingeführt, und die erste Frucht davon war seine Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande, welche 1788 erschien. Dieses Werf, so wie einige andere historische Arbeiten veranlaßten, daß er auf Göthe's Vermittlung als Professor nad Jeua (1789) berufen ward, und er war nun genöthigt, Universalhistorifer zu werden. Mehr jedoch als Geschichte beschäftigten ihn philosophische und ästhetische Untersuchungen. Bon seinem ersten Auftreten an waren Poesie und Philosophie neben einander gegangen; die merkwürdigste Durchdringung beider spricht sich in dem Gedicht die Künstler“ aus, welches 1759 in Wielands Merfur erschien. Dieses Gedicht iit das Manifest einer ganz neuen Periode; hatten Herders Frags mente die Losung gegeben zur Herríðaft der Natur und Wirt: sam feit, so gaben die Künstler die Losung zur Herrschaft des Geistes und der Wahrheit; hatten die Fragmente Natur und Kunst gegenübergestellt und lettere als einen Abfall von der Natur betrachtet: lo stellte Schillers Gedicht Natur und Geist einander entgegen und betrachtete den Geist als etwas Höberes denn die Natur. Hier sprach Schiller nachdrücklich die Ueberzeugung aus, die sein ganzes Leben durchdrang, daß alle Arbeiten des Geistes nur Werth hätten, insofern sie der Kunst dienten oder selbst zur Kunst würden. Mit diesem Gedichte schien der Dichter aber auch seine poetischen Herror: bringungen geschlossen zu haben, denn er wandte sich auf das entichiedenste bistorischen Darstellungen und philosophischen Unter: suchungen zu.

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