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Einmal von seinem Wahne in diesem Punkte geheilt, würde Kossuth wahrscheinlich auch bald die politischen Motive für die Disponi- rung der Streitkräfte den strategischen Rücksichten gebührend nachgesetzt haben.

Aus diesen Combinationen erhellt von selbst die Veranlassung des folgenden, ausnahmsweise in deutscher Sprache verfaßten, Schreibens an den Landesvertheidigungs-Ausschuß.

„Preßvurg, den II. November 18^,

„Am 31. October l. I. wurde ich vom Hrn. Präsidenten aufgefordert, das Commando der ungarischen Armee an der obern Donau zu übernehmen.

„Ich übernahm es — und mit ihm die Verpflichtung, Alles zu thun, was zur Rettung des bedrängten Vaterlandes mittel- oder unmittelbar beitragen könne.

„Kein echter Patriot darf es sich verhehlen, daß die Gefahr groß, sehr groß ist, und leider noch größer werden kann.

„Die Geschichte aller Nationen, welche, einst dem Untergange nahe, sich wieder emporbrachten auf jene Stufe der Eristenz, welche die Bedingungen festen Fortbestehens in sich faßt, lehrt uns, daß es Momente gibt, wo alle kleinlichen Rücksichten aufhören müssen, soll das Ganze gerettet werden, — lehrt uns ferner, daß ohne Einheit des Willens an Rettung nicht zu denken sei, — lehrt uns endlich, daß diese Einheit nur dann erzielt werden könne, wenn das Vertrauen der ganzen Nation, oder doch ihres überwiegend größern Theiles, sich in einem Manne begegnet, und die Nation, diesen Einen auf gewisse bestimmte Dauer freiwillig über sich stellend, freiwillig seinem Willen huldigt. So war es bisher und so wird es bleiben. Ich glaube nicht, daß Ungarn zu Liebe der Weltlauf eine andere Richtung nehmen werde.

„Ob nun ganz Ungarn dem Rande des Verderbens bereits so nahe stehe, um nur noch durch die Hand einer kräftigen Dictatur vor dem Untergange gerettet werden zu können, mögen jene Männer be- urtheilen, welche es für zeitgemäß erachteten, den größten Theil der ungarischen Armee unter die Leitung eines schlichten Privatmannes zu stellen. Daß aber eben dieser Theil der Armee durch die allerneuesten Ereignisse der gänzlichen Auflösung sehr nahe gebracht ward, ist eine Thatsache, die kein Militär vom Fache leugnen kann.

„Zn ermitteln, wer Schuld daran trägt, muß einer Zeit aufbewahrt bleiben, wo die Aufgeregtheit der Gemüther, welche gegenwärtig noch immer im Zunehmen scheint, sich gelegt und einer ruhigen, umfassend gerechten, ja billigen Beurtheilung aller Umstände Platz gemacht haben wird. Ietzt aber muß schnell geholfen werden."

(Hier enthält das Original als Einschiebsel einen Ausfall gegen die überhandgenommene Verdächtigungssucht. Das Nachstehende schließt sich ungezwungen an das Vorhergehende Wort für Wort an, wie folgt.)

„Meine Sache ist es, das «Wie» in Vorschlag zu bringen, und so spreche ich denn in Folgendem meine Ueberzeugung aus.

„ l. Muß aller Nepotismus bei den Avaneements ein für allemal aufhören.

„2. Müssen alle irregulären Truppenkörper von den regulären strenge geschieden und unter eigene abgesonderte Commanden gestellt werden.

„Das Beste wäre, alle irregulären augenblicklich aufzulösen, die militärpflichtigen Individuen unter denselben besonders zu assentiren und zur Completirung der bereits bestehenden regulären Truppenkörper zu verwenden.

„Die Umtaufung der sogen. Freiwilligen-Bataillone in Honved- Bataillone ist ein sehr unglückliches Erperiment. Der Name wechselt, das Kind bleibt dasselbe.

„Die Freiwilligen-Bataillone taugen wenig oder gar nichts, weil nur eine sehr kleine Anzahl der Offiziere und Unteroffiziere ihren Dienst versteht. Wird man sich nun von diesen Chargen mehr versprechen können, wenn sie Honved statt Nationalgarden genannt werden? Die Mehrzahl bleibt bei alledem ein »«iml« in >»elle lennin».

„Es wurde von Einigen die Ansicht aufgestellt: ein Bataillon Freiwilliger oder Nationalgarden zwischen zwei Honved-Bataillone gestellt, ersetze ein drittes Honved-Bataillon. Solange es nicht zum Brqtbrechen kommt, mag dies gelten; beim ersten Kartätschenschuß aber

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läuft das Freiwilligen-Bataillon freiwillig davon und reißt in der Regel die beiden Honved - Bataillone rechts und links unfreiwillig mit sich. Es hat Ausnahmen gegeben, aber wie viele?

„Die Offiziere der Freiwilligen müssen, wenn sie in die Reihen der Honved übertreten wollen, vorerst Prüfung ablegen, und zwar vor einer aus erprobten, geschickten Offizieren zusammengesetzten Commission, und dürfen nur, wenn diese Prüfung befriedigend ausgefallen, als die im Range Iüngsten ihrer Charge übersetzt werden. Einzelne durch besondere Verdienste motivirte Ausnahmen fänden allein nach der Bestimmung des Armec-Obercommandanten Play. Ueberhaupt müßte

„3. das Offizieravaneement bis zu einer gewissen Grenze dem Armeecommandanten allein anvertraut werden. Entweder verdient der Armeeeommandant dieses Vertrauen, dann ist dabei nichts riskirt; oder er verdient es nicht, dann weg mit ihm! Nur keine halben Maßregeln! *

„4. Der Armeeeommandant wird für alle Truppendispositionen verantwortlich gemacht; dann aber darf auch Niemand außer ihm mit seiner Armee disponiren.

„Eine Armee ohne Einheit des Commandos ist wie ein Mensch, der mit sich selbst zerfallen ist; weder von diesem noch von jener läßt sich je etwas Entschiedenes erwarten.

„5. Die Armee braucht Ruhe und Erholung, denn sie ist physisch und moralisch herabgekommen. Ruhe und Erholung findet sie hier in Preßburg nicht; Preßburg ist bei einem von Oesterreich, Mähren, Schlesien und Galizien her zugleich drohenden übermächtigen Feinde ein unhaltbarer Punkt und wird demnächst das Grab unserer Armee werden.

„6. Alle Freiwilligen-Bataillone sind total verlaust; denn sie besitzen seit dem Einzuge Iellachich's in Stuhlweißenburg, wo sie ihren Wäschevorrath verloren, nur ein Paar Wäsche. Wollen sie dieses waschen, so müssen sie tagelang den Mantel auf nacktem Leibe tragen. Im Felde ginge dies noch an; hier aber hat bei der engen Bequartierung die Läusekrankheit so überhandgenommen, daß es Individuen gibt, deren Haut schon ganz wund ist. Wenigstens ein Paar Wäsche oel Mann und eine zweckmäßigere Einquartierung nebst Ruhe sind die einzigen Mittel, diesem ekelhaften und gefährlichen Uebel abzuhelfen.

„Frische Wäsche kann uns zugeschickt werden, aber bessere Quartiere und Ruhe nicht.

„Der Dienst, welcher erforderlich, um eine weitläufige offene Stadt, wie Preßburg, vor feindlichen Ueberfällen zu sichern, ist zu groß, um der Truppe auch nur die zu ihrer nothdürftigsten Reinigung und Erholung nöthige Ruhezeit zu gönnen; andererseits bietet Preßburg doch zu wenig Bequartierungsfähigkeit, um die zu dessen Sicherung nöthigen Truppen so unterzubringen, wie es die Conservation der Truppe dringend erheischt.

„7. Alle Nationalgarde-Abtheilungen, welche nicht auf Kriegsdauer sich verdingten, müssen unverzüglich entlassen werden; denn während diese wahre Landplage, bei den enormen Emolumenten, welche ihr von Seiten der Comitate auf die Dauer ihrer Dienstzeit zugesichert wurden, ungeheure Summen kostet, scheint sie nur deshalb hier zu sein, um die Gesetze zu verhöhnen, und mit dem schlechten Geiste, von welchem sie durchdrungen ist, unsere bestdiseiplinirten Truppen pestartig zu insiciren. Also weg mit ihnen! Besser gar keine Armee als eine, in deren einzelnen Theilen die Gesetze auf das schändlichste verhöhnt werden.

„Die «Oedenburger Nationalgarden zu Fuß» sind auf die bloße Nachricht, daß der Feind anrücke, geradezu in ihre Heimat entlaufen: die «zu Pferde« thaten vor einigen Stunden ein Gleiches. Was von ihnen zurückblieb, sind: der Commandant mit einigen Offizieren!

„Ich habe auf Befehl des Präsidenten Kossuth das Commando über einen Theil der ungarischen Armee übernommen, und es ist meine heiligste Pflicht, dafür zu sorgen, daß die Ehre derselben jungfräulich erhalten werde.

„Es kann eine ganze Armee geschlagen werden und weichen müssen, ohne an ihrer Ehre Schaden zu nehmen; wenn aber eine einzige Abtheilung derselben feige ausreißt, ohne den Feind auch nur gesehen ni haben, so ist die Ehre der ganzen Armee gebrandmarkt.

„Ich erwarte von dem allgerühmten Billigkeisgefühle des löblichen Landesvertheidigungs-Eomite, daß mir nie wieder zugemuthet werde, die Ehre meiner braven Armee dadurch preiszugeben, daß ich in deren Reihen Abtheilungen aufnehme, welche eher den Schandnamen: «Ausreißergesindel», als den ehrenvollen: « Vaterlandsvertheidiger», verdienten.

„8. Aus den Punkten 5 und 6 folgt von selbst der Vorschlag: Preßburg nur mit einem Theile der Armee nothdürftig zu besetzen, das Hauptquartier mit dem Gros derselben aber nach einem andern Orte zu verlegen, welcher sowohl für die Vertheidigung des Landes als auch für die Reorganisirung der Armee mehr Vortheile bietet.

„Diesen Vorschlag werde ich in meinem nächsten Briefe zu unterbreiten die Ehre haben." (Folgt meine Unterschrift.)

Dies Schreiben hatte gerade das Entgegengesetzte von Dem, was ich dadurch beabsichtigte, zur Folge; denn nun trat Kossuth sammt dem Landesvertheidigungs-Ausschuß und dem Kriegsministerium allen meinen, auf Consolidirung der Armee abzielenden Vorschlägen und Maßnahmen noch entschiedener als zuvor entgegen.

Nachstehende Ercerpten aus den zufällig mir zu Gebote stehenden Original-Coneepten einiger meiner, von Preßburg an Kossuth in Pest abgeschickten Briefe, dienen hierzu als Belege. Die Originalien sind in ungarischer Sprache verfaßt. Ich gebe die eitirten Stellen in der deutschen Uebersetzung.

„Preßburg. am 15. November 18^8.

„Geehrter Herr Präsident!"

„Im Sinne einer Verordnung des Landesvertheidigungs-Ausschusses sollen die zur Besetzung der Stabsoffiziersstellen geeigneten Individuen durch den Armeeeommandanten und den ton. Commissär; die zu Subalternoffizieren Geeigneten hingegen durch die Regimenter oder Bataillone und den kön. Commissär in Vorschlag gebracht werden.

„Diese Verordnung entkleidet mich zwar des durch Sie — Herr Präsident — mir anvertrauten Offiziers - Eruennungsrechtes bis zum Hauptmanne, und des bloßen Vorschlagsrechtes vom Hauptmann auf

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