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den Körösfluß bei Nagy-Zerend (3 — 4 deutsche Meilen nördlich von Simänd) noch kaum überschritten haben. Diese Vermuthung schien überdies auch durch den Umstand bestätigt, daß G.-d.-C. Graf Rüdiger — wie sein durch General Pöltenberg an mich gelangtes Schreiben verrieth — am 9. August noch in Artänd gewesen, und daß die Entfernung von Artänd nach Nagy-Zerend zehn deutsche Meilen beträgt.

Von dieser — wie ich eben gezeigt — nicht ungegründeten Vermuthung ausgehend, konnte ich aber unmöglich erwarten, daß G.-d.-C. Graf Rüdiger noch während der Tageszeit des 12. August mit seinem Corps zwischen Vilägos und Arad eintreffe, um mich — der in meinem Schreiben an ihn enthaltenen Aufforderung gemäß — von den Oesterreichern abzuschließen und hierdurch jedem fernem Conflicte zwischen österreichischen und den von mir befehligten Truppen vorzubeugen. Ich konnte dies aus dem einfachen Grunde nicht erwarten, weil die Entfernung von Nagy-Zere'nd bis auf die Straße, welche von Arad nach Vilägos führt, 6 deutsche Meilen beträgt und es für den G.-d.-C. Graf Rüdiger eine absolute Unmöglichkeit war, diese Distanz mit seinem Corps, selbst wenn er dasselbe unmittelbar nach Empfang meines Schreibens in Marsch setzte, vor dem späten Abende des 12. August zurückzulegen. Dagegen schien die Vorrückung einer österreichischen Colonne von Arad gegen Vilägos im Laufe desselben Tages allerdings nicht unmöglich.

Indessen erachtete es G.-d.-C. Graf Rüdiger — was ich nicht voraussehen konnte — für genügend, zu unserer Abschließt»i«, von den Oesterreichern blos seine äußersten Vortruppen von Simänd aus die Vilägos-Arader Straße vorrücken zu lassen. Dies geschah denn auch noch vor Mittag des 12. August; und gleich darauf erschien der Commandant jener russischen Vortruppen in Begleitung unserer eben zurückkehrenden Parlamentäre bei mir auf dem Hauptquartiere zu Vilägos, um mich von jener Bewegung in Kenntniß zu setzen.

So lange ich noch auf einen Angriff von Seiten der Oesterreicher gefaßt sein mußte, blieb es — bei meiner sehr ernsten Absicht, demselben mit der größten Energie zu begegnen — durchaus nothwendig, den Beschluß des Arader Kriegsrathes vor den Truppen geheim zu halten. Diese Notlzwendigkeit hatte auch der Kriegsrath selbst erkannt und sich eben deshalb verpflichtet, die Bestimmung des Zeitpunktes, wann den Truppen der eigentliche Zweck unseres Rückzuges von Arad gegen Beel mitgechcilt werden sollte, wie überhaupt den Act der Mittheilung selbst, mir persönlich zu überlassen.

Der gebotene Zeitpunkt, den Truppen das trostlose Geschick, welches ihrer harrte, bekannt zu geben, wäre nun freilich jener Augenblick gewesen, in welchem von unsern Vorposten die Meldung einlief, daß eine feindliche Colonne, aus der Richtung von Simänd herabziehend, sich der Vilägos-Arader Straße seitlich nähere. Indessen war der russische Vortruppencommandant, seiner Colonne voraneilend, noch früher als jene Meldung, im Hauptquartiere zu Vilägos eingetroffen; und theils durch seine Anwesenheit, theils durch die unaufschiebbare Erledigung einiger dringenden Dienstesangelegenheiten im Hauptquartiere zurückgehalten, versäumte ich es, mich unmittelbar nach dem Empfange jener Vorpostenmeldung in das Lager zu begeben, und die Truppen über die eigentliche Bedeutung des Flankenmanoeuvres der erwähnten russischen Colonne persönlich aufzuklären. Sämmtliche Abtheilungen der Armee, allarmirt durch das Anrücken dieser Colonne hatten sich schlagsertig gemacht. Und nun kam ihnen mein einfacher Befehl, sich fernerhin aller Feindseligkeiten zu enthalten, ohne irgend einen Commentar zu. Der Gedanke, hier sei Verrath im Spiele, lag nahe genug, um von einzelnen Declamatoren, welche eine ziellose Flucht auf eigene Faust dem Loose der Kriegsgefangenschaft und deren Folgen unbedingt vorgezogen hätten, zu Agitationen gegen meine Person oder vielleicht überhaupt nur gegen das fernere Beisammenbleiben, ausgebeutet zu werden. Die Folge hiervon war, daß ich am späten Nachmittage des 12. August mit der Anzeige überrascht wurde, im Lager drohe Meuterei auszubrechen.

Entschlossen, dies zu verhindern, begab ich mich nun unverzüglich ins Lager: und die weitere Folge lehrte, daß jener Anzeige entweder eine Uebertreibung zu Grunde gelegen, oder mein persönliches Erscheinen inmitten der aufgewiegelten Truppen für sich allein hingereicht haben mußte, die Armee bis zur erfolgten Waffenstrecknng meinen Befehlen gehorsam zu erhalten. Denn ich beschränkte mich während meiner Anwesenheit im Lager blos darauf, den einzelnen Armeecorps bekannt zu geben: ich habe — die Unmöglichkeit, beiden feindlichen Armeen obzusiegen, erkennend — unsere Selbstentwaffnung vor russischen Truppen beschlossen; ich erwarte Gehorsam und setze mein Leben daran, daß er mir wie bisher, so auch fortan geleistet werde; die Ergebung geschehe auf Gnad' und Ungnade; dieser Schritt sei gleichwohl, angesichts der trostlosen Lage, in welcher sich Ungarn augenblicklich befinde, ein patriotischer, kein schimpflicher, — ein lebensgefährlicher allerdings; ich aber, dessen Haupt die Rache des Feindes zumeist und zunächst treffen müsse, bebe vor diesem Schritte nicht zurück; und ich sei überzeugt, Diejenigen, welche mir einst mit männlichem Muthe in die Schlacht gefolgt, sie werden auch jetzt nicht von mir abbleiben; die Andern werde ich — wofern sie zagen, mit Hilfe ihrer braven Kameraden wie einst in den Kampf, so jetzt in die Kriegsgefangenschaft zu treiben verstehen; ihnen, den Muthlosen, sei es ferner gesagt, daß — ausschließlich nur um ihnen die schimpfliche Flucht unmöglich zu machen — die Armee mit meinem Einverständnisse von russischen Truppen rings umzingelt worden; den Braven gelte diese Maßregel nicht; sie, die Braven — das wisse ich voraus — können der Ehrenpflicht nie uneingedenk sein, die militärische Ordnung in der Armee bis zum letzten Augenblicke freiwillig aufrecht zu erhalten.

Nachdem ich in diesem Sinne zu den Truppen gesprochen, kehrte ich wieder nach dem Hauptquartiere zurück; denn ich hatte bereits aus ihrer Haltung mir gegenüber die Ueberzeugung geschöpft, daß die Gefahr einer Meuterei, selbst wenn die letztere unmittelbar vor meinem Ritt ins Lager wirklich schon dem Ausbruche nahe gestanden, nunmehr vorüber sei.

Im auffallenden Widerspruche mit den meuterischen Umtrieben, welche sich in den Reihen der von mir befehligten Armee, in Folge der plötzlichen Einstellung der Feindseligkeiten gegen die Russen, wenn gleich nur vorübergehend bemerkbar gemacht hatten, trafen gegen Abend des 12. August ganze Schwärme von Flüchtlingen in Vilägos ein, unter Andern auch ein mehre hundert Mann starkes Commando (meist noch unbewaffnete Recruten) von dessen Anwesenheit auf dem rechten Marosufer ich gar nicht unterrichtet war. Der Führer dieses Commandos meldete mir, er sei um die Mittagszeit, allarmirt durch das Gerücht, daß die Oesterreicher bereits Alt-Arad besetzt hätten, eben im Begriffe gewesen von Radna über Lippa nach Lugos aufzubrechen, als plötzlich eine österreichische Colonne auf dem linken Marosufer gegen Lippa anrückte; worauf er nicht nur den beabsichtigten Marsch nach Lugos aufgab, sondern vielmehr die Marosbrücke zwischen Radna und Lippa sogleich abbrannte, und sich von Radna wieder eine Strecke gegen Arad zurückzog. Er wußte nun eigentlich nicht, wohin er sich wenden solle. Bald aber verbreitete sich unter den Flüchtlingen, welchen nun gleich ihm und seinem Commando der Weg nach Lugos durch die österreichische Colonne bei Lippa verlegt war, das Gerücht von meinem Marsche gegen Vilägos, und wie ich bereits mit den Russen einen vortheilhaften Frieden abgeschlossen hätte. Dies Gerücht nun bestimmte ihn und die gesammte Masse der Flüchtlinge, sich nach Vilägos zu retten.

Welch blinden Glauben das Gerücht, ich hätte einen vortheilhaften Frieden mit den Russen zu Stande gebracht, außer dem Lager und dem Hauptquartiere der von mir befehligten Armee gefunden haben mochte, ist vor Allem aus dem bemerkenswerthen Umstande zu ersehen, daß sich unter den im Laufe des 12. August zu Vilägos angelangten Flüchtlingen sogar eine große Anzahl schon in den ersten Tagen des Monat August feldflüchtig gewordener Offiziere (meist von der Dembinski'schen Armee) befand. Dies waren Leute von ausgesprochen vorsichtigem Charakter. Sie würden sicherlich die Nähe der von mir befehligten Armee um jeden Preis gemieden haben, wären sie auch nur dem leisesten Argwohn zugängig gewesen, daß es mit dem bewußten vortheilhaften Friedensabschlusse zwischen mir und dem russischen Feldherrn Nichts sei. Allein wie hätten sie, wie außer ihnen noch viele Taufende es vorausahnen sollen, daß die Lösung all jener in dem bekannten Abschiedsproelame Kossuth's enthaltenen ebenso räthselhaften als vielverheißenden Orakelsprüche die unbedingte Waffenstreckung sein werde?! — Man sage nicht, sie hätten dies aus jener Proclamation entnehmen können, in welcher ich die Abdankung des provisorischen Gouvernements, wie die Vereinigung der höchsten Civil- und Militärgewalt in meiner Person, den Bürgern von Alt-Arad zur Kenntniß brachte. Meine Proclamation war Prosa: jene Kossnth's — Poesie. Das Publicum, zu welchem wir Beide sprachen, hatte für die Prosa des derben Kriegs mannes kein Verständniß: für die Poesie des großen Agitators hingegen einen hohen Grad von Empfänglichkeit. Man tadle daher das Publicum nicht. Man bedauere es höchstens, daß der Agitator kein Kriegsmann, der Kriegsmann kein Agitator gewesen, daß somit ihre Wege folgerecht divergiren mußten.

Es bedarf wohl kaum der Erwähnung, daß von Allen, die blos in der Absicht, ihre eigenen werthen Personen unter russisches Protectorat zu retten, sich nachträglich zu Vilägos einfanden — nachdem sie der „vortheilhaften Friedensbedingungen" inne geworden — nur diejenigen bei der Armee blieben, welche als untergeordnete Soldaten in Reih und Glied gehörten und fernerer Fluchtversuche entrathen mußten.

In die Kategorie der von dem erwähnten albernen Gerüchte nach Vilägos Verlockten dürfen aber jene Männer nicht gezählt werden, die entschlossen, das Schicksal der Armee zu theilen, letztere seit Alt Arad gar nicht verlassen hatten. Es waren dies: die Minister Csänyi und General Aulich; die nicht zum streitbaren Stand der Armee zählenden Generale Kiß, Lahner, Kne'zich, Schweidel, Gäspär, Török und Lenkey; und überdies viele Reichstagsmitglieder. Von den Letztern zählten — meines Wissens — fast Alle zur Friedenspartei.

Dem Minister Csänyi hatte ich — wie erwähnt — schon Tags vorher (am 11. August) zu Alt-Arad — und zwar noch vor der Abdankung des provisorischen Gouvernements — meinen Entschluß, die Waffen auf Gnade und Ungnade zu strecken, mitgetheilt. Unmittelbar nach dem Rücktritte der provisorischen Negierung aber, und noch vor der Zusammenberufung des entscheidenden Kriegsrathes, fand zwischen Csänyi und mir sogar eine anhaltende Besprechung über die Fragen statt, ob unbedingte Ergebung, ob noch fernere Fortsetzung des Kampfes. Csänyi war nämlich bemüht, verschiedene Möglichkeiten neuer Erfolge auf dem Schlachtfelde geltend zu machen, um mich hierdurch für die

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