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ziehen, ohne am Ende die Polen und mit ihnen „die Freiheit Europas" dennoch preiszugeben. Und eben deshalb muß man annehmen, daß sein Entschluß, der Dynastie Romanow die Krone Ungarns anzubieten, bei dem gleichzeitigen (später — wie wir sehen werden — in der That ausgeführten) Vorhaben, den Oberbefehl über sämmtliche Armeen Ungarns einem Polen anzuvertrauen, — daß dieser Entschluß Kossuth's ein im Wahnwitz plötzlicher Verzweiflung gefaßter, ganz und gar unüberlegter gewesen.

Damit will aber durchaus nicht gemeint sein, daß ich über die Idee, mit den Russen zu pacificiren, unbedingt den Stab gebrochen. Ich erkenne vielmehr diese Idee — wofern sie realisirbar — auch jetzt noch für die einzige an, mit welcher unter den damaligen Umständen keine der gegen Oesterreich geharnischten Parteien im Lande nicht einverstanden gewesen wäre.

Den Anhängern wie den Vertheidigern des vom Könige sanctionirten Gesetzes — um dessen Umsturz es sich österreichischerseits eigentlich handelte — der einzigen Partei im Lande, welche etwas Positives zu verlieren hatte, konnte die Wahl zwischen russischer Oberherrschaft und dem Frei-Einigthume Oesterreichs kaum schwer werden, sobald sie nicht übersahen, wie Rußland, wenn es wirklich daran dachte, Ungarn zu acquiriren, nothwendigerweise auch daran denken mußte, es zu behalten.

Die Partei „der unausgesprochenen Staatsform" hatte nichts zu verlieren, nicht einmal ein Princip — wie schon ihre Firma verräth — es wäre denn das der Independenz von Oesterreich; und dies Princip — darauf konnten sie zählen — blieb ihr unter Rußlands Oberherrschaft zuverlässig unangetastet.

Die echten Republikaner endlich konnten an dem, was sie in Ungarn hatten (an missionärlichem Wirkungskreis), nur gewinnen im weiten, breiten Rußland.

Den Polen freilich mußte es schwer fallen, zwischen Oesterreich und Rußland zu wählen: „die Freiheit Europas" war hier wie dort aufgegeben! Dasjenige aber, was die Polen thaten, nachdem Rußland nicht paeificirte, hätten sie immerhin auch im entgegengesetzten Falle thun können. Uebrigens habe ich oben nur die im Lande einheimischen Parteien gemeint. Und solange die Thatsachen: daß — nachdem mir von der unter meinen Befehlen gestandenen Armee die Berufung auf die Landesverfassung vom Iahre 1848, als Antwort auf die russische Aufforderung zum Niederlegen der Waffen, dictirt, und dieser Act, nebst dem Schreiben des G.-d.-C. Graf Rüdiger und dem Waffenaustausche, mit erorbitirender Ausspinnung der Consequenzen alles dessen, öffentlich bekannt geworden — mein Name plötzlich wieder an Popularität zu gewinnen begann; daß ferner Kossuth persönlich zu dem Entschlusse gelangt, nicht etwa den Anträgen der Russen Gehör zu geben, sondern selbst Anträge den Russen zu machen; daß endlich Szemere persönlich diesen Entschluß ausgeführt, ohne daß ihn oder Kossuth deshalb die Parteien der „Republik" oder der „unausgesprochenen Staatsform" je verleugnet hätten, — so lange diese Thatsachen nicht widerlegt sind: muß ich auf dem Ausspruche beharren, wie die Idee, mit Rußland zu pacificiren — wofern realisirbar — die unter den damaligen Conjuncturen einzig rettende, und als solche von allen am Kampfe gegen Oesterreich betheiligten Parteien des Landes anerkannte gewesen.

Diese Idee aber war eben — solange die Russen nur das Ansinnen, die Waffen zu strecken, keine Friedensanträge für uns hatten — nicht realisirbar; und dafür, daß Kossuth und Szemere dies übersahen, vermag ich allerdings keinen schmeichelhaften Ausdruck zu finden.

Die erste Unterredung mit den Ministern Szemere und Graf Kasimir Batthyänyi zu Vlimos-Pircs, welche mir den bereits fertigen Entschluß der provisorischen Regierung, für den Frieden mit Rußland, selbst die Krone Ungarns hinzugeben, verrieth, war im Wesentlichen folgende:

Szemere, der eigentliche Träger der Mission (die Mitwirkung Graf Kasimir Batthyänyi's schien sich auf die eines Translators zu beschränken) begann mit der Frage, wie weit ich in meinen Unterhandlungen mit den Russen bereits gekommen.

Ich entgegnete, der Regierung könne dies nicht unbekannt sein, nachdem ich ihr den Briefwechsel zwischen G.-d.-C. Graf Rüdiger und mir in Abschrift eingesendet.

Seither aber, meinte Szemere, hätte ich ja — wie der Regierung zur Kenntniß gelangt — mit den Russen wiederholt parlamentirt.

Da ich der Ansicht war, daß mir Szemere in Gegenwart seines Collegen Graf Kasimir Batthyänyi nicht mehr als verschmitzter Rivale Kossuth's, sondern als Organ der Regierung gegenüberstehe: so nahm ich diese Mistrauen verrathende Frage sehr ernst — wie überhaupt die ganze Unterredung für eine streng officielle — und bemühte mich (was ich bei contrairer Anslcht über die Bedeutung dieser Conferenz sicherlich unterlassen hätte) die Minister umständlich aufzuklären, wie hoch jene Angebereien über mein „wiederholtes Parlamentiren" mit den Russen angeschlagen werden dürften, wofern die Regierung nicht thörichten Illusionen Raum geben wolle. Ich versicherte den Ministern, wie ich außer dem einen bekannten Falle zu Rimafzombat mit keinem russischen Parlamentär in Berührung gekommen, — wie die Pistolendes G.-L. Saß und des Oberst Chrulow durch unsere eigenen und zwar dieselben Parlamentäre an mich gelangten, welche mit unserer Antwort auf das Ansinnen die Waffen zu strecken, von Sajö-Szent-Peter in das nächste russische Lager abgegangen waren, — wie die zweite Absendung von Parlamentären meinerseits an den Commandanten der russischen Vortruppen, ausschließlich nur den Zweck hatte, die gebotene Erwiderung jener ritterlichen Courtoisie zu ermöglichen, — wie sich demnach jene Angebereien über mein „wiederholtes Parlamentiren" mit den Russen höchstens nur auf die — mir selbst erst nachträglich bekannt gewordene — unserm Corpscommandanten General Graf Leiningen jedenfalls nur zur Ehre gereichende Thatsache beziehen können, daß derselbe als Sieger von Gesztely (am 28. Iuli) dem von den Russen — aus nachträglicher Bekümmerniß um das Schicksal ihrer auf der Wahlstatt zurückgebliebenen Verwundeten — an ihn abgeschickten Parlamentär gestattet, sich von der Gewissenhaftigkeit persönlich zu überzeugen, mit welcher von Seiten unserer braven Aerzte jenen Unglücklichen bereits die entsprechende Hilfe geleistet worden.

Szemere forschte nun weiter, ob es mir nicht dessenungeachtet scheine, als wären die Russen nicht abgeneigt, sich mit uns in ernstliche llnterhandlungen einznlassen, und als stünden demnächst Friedens antrage ihrerseits zu erwarten.

Ich antwortete hierauf, daß ich über die diplomatischen Speculationen der Russen gar keine Ansicht bereit habe; so viel jedoch könne die provisorische Regierung für gewiß annehmen, daß die Russen, trügen sie ein Verlangen darnach, mit uns zu paeificiren, meine hierzu einladende Antwort an den G.-d.-C. Graf Rüdiger kaum — wie dies wirklich der Fall — ohne Gegenerwiderung gelassen haben würden; auf einen Friedensantrag der Russen also dürfte die provisorische Regierung vergeblich warten; will die provisorische Regierung unterhandeln, oder sich zum mindesten überzeugen, ob russischerseits irgend eine Neigung hierzu vorhanden oder nicht: so müsse sie die Initiative, und zwar mit einem Antrage klar und deutlich ausgesprochener Friedensbedingnisse, ergreifen.

Und Szemere entschloß sich ohne weiteres, ein Schreiben an den F.-M. Fürst Paskiewitsch abzufassen, und mir zur Beförderung in das russische Lager zu übergeben.

In der Marschstation Bihar, am späten Abende des 4. August, traf ein einzelner russischer Offizier (Lieutenant Miloradowitsch), als Parlamentär vom F.-M. Fürst Paskiewitsch entsendet, mit dem zwiefachen Auftrage im Hauptquartiere ein, die in unsere Kriegsgefangenschaft gerathenen russischen Offiziere mit den zu ihrer bequemern Subsistenz erforderlichen Geldmitteln zu versehen, — und mir jene Waffen wieder zurückzustellen, welche ich als Gegengeschenke für G.-L. Saß und Oberst Chrulow in das Lager der am 26. Iuli bei Miskolez gestandenen russischen Heeresabtheilung abgeschickt hatte.

Der F.-M. Fürst Paskiewitsch — so äußerte sich der Parlamentär — finde es unstatthaft, seinen Generalen und Offizieren zu gewähren, angesichts der zwischen Rußland und Oesterreich bestehenden Allianz, von Feinden des letztern Geschenke anzunehmen.

Ich entgegnete hierauf, daß ich in meiner augenblicklichen Stellung es nicht minder unstatthaft finde, Geschenke anzunehmen, deren Erwiderung mir unmöglich gemacht wird; daß somit der Herr Parlamentär die Gefälligkeit haben werde, die von G.-L. Saß und Oberst Chrulow in Form von Geschenken mir übersendeten Waffen sofort in Empfang zu nehmen und wiederum in den Besitz ihrer frühern Eigenthümer gelangen zu lassen.

Dies zu thun — meinte der Parlamentär — widerstrebe seinen Begriffen von Ehre, und er ziehe es vor, auf seine persönliche Verantwortung hin, mit meinen für G.-L. Saß und Oberst Chrulow bestimmten Gegengeschenken und der eben vernommenen Erklärung — also unverrichteter Sache — zurückzukehren.

Hiermit war diese Angelegenheit erledigt. — Um aber seinem ersterwähnten Auftrage nachzukommen, mußte der russische Parlamentär, da die Kriegsgefangenen mit dem Armeetrain escortirt wurden und dieser am 4. August bereits in Groß-Wardein stationirte, sich persönlich dahin begeben; dies war jedoch bei der in Folge eingetretenen regnerischen Wetters sehr finstern Nacht unthunlich; er blieb somit die Nacht über in Bihar und wurde erst am Morgen des 5. August nach GroßWardein geleitet.

Die Minister Szemere und Graf Kasimir Batthyänyi waren hierher schon am 4. August vorausgeeilt und hatten das diplomatische Sendschreiben an den F.-M. Fürst Paskiewitsch bereits zu Stande gebracht, als ich mit dem Hauptquartiere und dem russischen Parlamentär daselbst ankam. Es konnte somit die Rückkehr des Letztern in das russische Lager gleich als Gelegenheit benutzt werden, um jenes Sendschreiben, von mir einbegleitet, an den Ort seiner Bestimmung gelangen zu lassen.

In der Einbegleitung erschien als Anlaß zu diesem Schritte der provisorischen Regierung der ofterwähnte Brief des G.-d.-C. Graf Rüdiger bezeichnet.

Der Inhalt des Sendschreibens machte auf mich den Eindruck einer offenen Beschwerde über Oesterreich, und einer verkappten Einladung an Rußland, aus dem gründlichen Zerwürfnisse zwischen Oesterreich und Ungarn, durch Pacification mit dem letztern, Vortheil zu ziehen. Von Szemere um meine Ansicht über den praktischen Werth dieses Sendschreibens befragt, machte ich die Bemerkung, daß dieser die Mühe kaum lohnen dürfte, welche er (Szemere) auf die Abfassung des Conceptes verwendet. Die Russen würden — so motivirte ich

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