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daß General Nagy-Sändor es bereits für nothwendig erachtet, sogar die Berettyölinie aufzugeben und unaufgehalten weiter gegen GroßWardein zu retiriren. Zugleich erhielt ich einige authentische Andeutungen über den derouten Zustand seines Corps. Ein großer Theil der Artillerie war ihm nämlich ganz abhanden gekommen und — in der Gegend, durch welche das Gros der Armee marschirte, herumirrend — glücklicherweise von den Patrouillen des letztem entdeckt worden.

Ich sah nun ein, daß ich unter diesen Umständen den Gedanken aufgeben müsse, am Berettyö, dessen Lauf überdies — wie es sich nun zeigte — in der trockenen Iahreszeit die Communication nur stellenweise hindert, das südliche Vordringen der russischen Hauptarmee zu unterbrechen. Nachdem General Nagy-Sändor — wie erwähnt — im Laufe des Tages von Berettyö-Ujfalu (wenn ich mich recht entsinne) bis Mezö-Keresztes zurückgegangen war und ich nicht anders denken konnte, als daß dies in Folge des heftigen Nachdrängens der Russen geschehen sei: so hielt ich ein längeres Verweilen des Gros der Armee bis Kis-Marja für gefährlich, weil hierdurch den Russen die Möglichkeit geboten wurde, bei dem voraussichtlich energielosen Widerstande von Seiten Nagy-Sändor's, Groß-Wardein vor dem Gros unserer Armee zu erreichen und diesem den weitern Rückzug nach dem Banate abzuschneiden.

Ich ließ also das Gros noch in der Nacht vom 3. auf den 4. August von Kis-Marja gegen Bihar abrücken, um mit demselben, falls es nothwendig würde, Groß-Wardein noch im Laufe des 4. August erreichen zu können.

Indessen erfuhr ich in Bihar, daß die ersten russischen Patrouillen am Abende des 3. August nicht weiter als bis Berettyö-Ujfalu vorgedrungen waren, folglich General Nagy-Sändor gar keinen Grund hatte, am Morgen dieses Tages bei Mezö-Keresztes zurückzuweichen. Ebenso wenig Grund war nun auch vorhanden, das Gros der Armee, welches in Folge der kopflosen Retirade Nagy-Sändor's vom Tagesanbruch des 3. bis zum späten Morgen des 4. August einen Marsch von 7 Meilen machen mußte, an diesem Tage noch 2 Meilen weiter bis Groß-Wardein zu sorciren. Dasselbe erreichte somit den letztern Punkt erst Tags darauf den 5. August und vereinigte sich hier mit der Seitenhut, den mittlerweile wieder gesammelten Trümmern des 1. Corps. Es kann mit vollem Rechte die Frage an mich gestellt werden, wie es kam, daß ich den General Nagy-Sändor ungeachtet seines fahrlässigen Benehmens vor Waizen, wo er bekanntlich in der Nacht vom 16. auf den 17. Iuli, beim Abrücken aus seinem Lager die Vorposten gegen meinen ausdrücklichen Befehl mitgenommen und hierdurch den spätern feindlichen Ueberfall ermöglicht hatte, — ungeachtet der schweren Pflichtverletzung, welcher er sich am 18. und in der Nacht vom 18. auf den 19. Iuli als Commandant der Arrieregarde schuldig gemacht, indem er bekanntlich von Balassa-Gyarmat angefangen, nicht nur so lange die Russen noch heftig nachdrängten, sondern auch, nachdem dies nicht mehr der Fall war, das Gros unserer Armee (welchem er doch die Möglichkeit der nothdürftigsten Erholung ebenso standhaft, wie dies vor ihm die Generale Graf Leiningen und Pöltenberg gethan, hätte sichern sollen) zur ununterbrochenen Fortsetzung der Retirade zwang, bis endlich er von seinen Kameraden gezwungen wurde, bei Räros anzuhalten und das dortige, leicht zu vertheidigende DePtt zu besetzen, welches er während der Nacht gleichwohl, obschon feindlicherseits nicht einmal angegriffen, in wilder Unordnung räumte und hierdurch die gesammte Armee in einen Zustand versetzte, in welchem ihre fernere Eristenz durch eine einzige Kosakenpatrouille in Frage gestellt werden konnte, — ungeachtet der Niederlage, welche er bei Debreczin, durch Misachtung meines Verbotes, sich in einen zweifelhaften Kampf mit dem überlegenen Feinde einzulassen, über sein Corps heraufbeschworen, — ungeachtet endlich der darauf folgenden kopflosen Retirade bis MezöKeresztes, — wie es kam, daß ich trotz all dieser sprechenden Beweise mannigsacher Untüchtigkeit den General Nagy-Sändor auch fernerhin noch bei der Armee duldete: diese Frage kann allerdings mit vollem Recht an mich gestellt werden, der ich seiner Zeit gegen die Corpscommandanten Oberst Asböth und General Kne'zich mit so eiserner Strenge verfuhr; der ich es überhaupt nicht verstanden, mir während meiner amtlichen Wirksamkeit den honigsüßen Beinamen des „Milden" und „Nachsichtigen" zu erwerben.

Es dürfte diese Frage in Nachstehendem ihre Beantwortung finden:

Bis auf Eines hatten sich alle oben angeführten Ereignisse nicht unmittelbar unter meinen Augen zugetragen. Die Aufklärungen, welche ich über jene Vorfallenheiten nachträglich erhielt, waren — je nach der Quelle, aus welcher sie kamen — nicht unwesentlich von einander verschieden; der wahre Sachverhalt ließ sich demnach auf kurzem Wege durchaus nicht mit Bestimmtheit außer allen Zweifel stellen. Ueberdies verstand es General Nagy-Sändor, den wesentlichsten Theil der Schuld, welche in den erwähnten Fällen ihm zur Last fiel, stets durch Anführung solcher Umstände von sich zu wälzen, deren Glaubwürdigkeit nicht zu bestreiten war.

So entschuldigte General Nagy-Sändor seine Retirade bis MezöKeresztes (am 3. August) durch den desolirten moralischen Zustand seiner Truppen, welcher um so weniger in Abrede gestellt werden konnte, als ein Theil der Offiziere des 1. Corps von der Wahlstatt bei Debreczin in Einem Zuge bis Groß-Wardein, ein anderer noch weiter (wie ich später erfuhr, bis Arad) flüchtete.

So entschuldigte General Nagy-Sändor die Thatsache, daß er am 2. August bei Debreczin dem überlegenen Angriffe der Russen nicht ausgewichen, durch Aufzählung von Umständen, welche lediglich den Commandanten seiner aus dem Lager bei Debreczin gegen Ujväros vorgeschobenen Sicherheitstruppen belasteten. General Nagy-Sändor mußte freilich zugeben, daß er von den Russen am hellen Mittage überrascht worden: aber er konnte hinwider auch die Maßregeln aufzählen, welche er getroffen, um einer ähnlichen Ueberraschung zu begegnen, und er konnte nachweisen, daß die Unzulänglichkeit jener Maßregeln nicht seiner Person zugerechnet werden dürfe. General NagySändor vermochte allerdings kaum zu leugnen, daß ihn der feindliche Angriff nicht auf dem Ehrenplatze vor der Front seines Corps, wohl aber auf dem Ehrenplatze eines patriotischen Bankets gefunden, welches ihm und seinem Offiziereorps von den Honoratioren der Stadt Debreczin veranstaltet worden: aber er konnte dem entgegen sehr treffend bemerken, daß ihn der feindliche Angriff zuverlässig nicht beim Banket, sondern vor der Front seines Corps getroffen haben würde, wenn der Commandant der Sicherheitstruppen seiner Pflicht genügt hätte.

So entschuldigte General Nagy-Sändor seine Flucht von Räros (in der Nacht vom 18. auf den 19. Iuli), indem er dieselbe als eine Nothwendigkeit, geboten durch die Verwirrung schilderte, welche höchst räthselhafterweise unter seinen Truppen plötzlich und zwar in dem Maße überhandnahm, daß unter Anderm sast sämmtliche Pferde der Cavallerie und der Bespannungen mit einem Male wie toll ausrissen, er sonach die zur Behauptung des Defile bei Räros eingenommene Position unverweilt räumen mußte, um mit seinem ganzen Corps den entkommenen Pferden nachzusetzen. Bei so bewandten Umständen kam es sogar dem General Nagv-Sändor als nicht geringes Verdienst zu Gute, daß er die Trainpferde nicht hatte ausspannen lassen. So konnten die Pferde doch wenigstens nicht durchgehen ohne die gesammte Artillerie vom 1. Corps der drohenden Feindesgefahr zu entziehen. Der drohenden Feindesgefahr?! — zweifelsohne; denn ursprünglich rechtfertigte General Nagy-Sändor seine Flucht durch die Behauptung, daß er in der Position bei Räros bereits von den Russen umgangen war; und erst nachdem sich aus dem gleichzeitigen Erlahmen der feindlichen Verfolgung die Unhaltbarkeit jener Behauptung erwiesen, meinte General Nagy-Sändor, nicht Kosaken, sondern Wölfe dürften jener Feind gewesen sein, von welchem er sich bei Räros nächtlicherweile umgangen und überfallen wähnte.

Angesichts dieser Unsicherheit Nagy-Sändor's in der Bezeichnung jener Gefahr, welche ihn zu der — wie bekannt — höchst fatalen nächtlichen Flucht bewogen hatte, ließ sich nun freilich die Nothwendigkeit der letztern nicht eben genügend vertreten und es gewann unleugbar den Anschein, als wäre in der bewußten Nacht vom 18. auf den 19. Juli dem General Nagy-Sändor das Herz bis tief unter das Niveau der Mannhaftigkeit gesunken; indessen diente der Umstand, daß während jener Nacht weit über hundert Husarenpferde vom 1. Corps abhanden gekommen, hinwider als unumstößlicher Beleg für die in der That grenzenlose Verwirrung, welche unter den Truppen des 1. Corps eingerissen sein mußte; und General Nagy-Sändor betheuerte, er habe kein Mittel unversucht gelassen, um der immer mehr um sich greifenden Auflösung seines Corps Einhalt zu thun; er sei endlich zu der nächtlichen Fortsetzung des Rückzuges gezwungen gewesen, um sein Corps nur irgendwie beisammenzuhalten; die frühere Behauptung, daß seine Stellung bei Räros von den Russen umgangen, wie die spätere, daß sein Lager durch Wölfe allarmirt worden, habe er nicht zur Rechtfertigung der Flucht, nur zur Beschönigung seiner Truppen aufgestellt, — u, dgl. m.

So endlich entschuldigte General Nagy-Sändor die Thatsache, daß er im Laufe des 18. Iuli, nachdem ihm in Balassa-Gyarmat der Dienst der Arrieregarde vom General Pöltenberg übergeben worden, der feindlichen Verfolgung nicht ein einziges Mal — wie es seine Pflicht gewesen wäre — mit Aufbietung aller Kräfte Halt geboten, — diese Thatsache entschuldigte General Nagy-Sändor durch die enorme Ueberlegenheit der ihm unmittelbar nachdrängenden feindlichen Streitmacht.

Weder hier, noch bei Räros, noch bei Debreczin, noch endlich auf der Flucht bis Mezö-Keresztes war ich persönlich zugegen; mir fehlte sonach die unmittelbare Erkenntniß der augenblicklichen Umstände und der durch diese bedingten Zurechnungsfähigkeit Nagy-Sändor's für jene seiner Handlungen, deren Folgen ihm die Befähigung zu dem wichtigen Posten eines Corpscommandanten gleichwohl unbedingt abzusprechen schienen.

Ganz anders hatte sich — wie bekannt — die Sache mit den beiden Corpscommandanten Kne'zich und Asböth (vor Pered am 20. Iuni) verhalten. Dort waren die Bedingnisse zur flagranten Strafprocedur allerdings vorhanden: meinerseits, unmittelbares Erkennen des Thatbestandes an Ort und Stelle, — von Seiten der Straffälligen, absolute Unmöglichkeit, die eigene Schuld auf Andere zu wälzen.

Um über den Werth der Schuld Nagy-Sändor's an den aufgezählten Calamitäten so umständlich aufgeklärt zu werden, als ich dessen zur Fällung eines nach meiner Ueberzeugung gerechten Strafurtheils bedurfte, hätte ich einen förmlichen Untersuchungsproceß gegen ihn einleiten müssen. Hierzu jedoch war selbstverständlich weder Zeit noch Gelegenheit vorhanden.

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