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zum späten Morgen des folgenden Tages, verzögern, somit bei der unmittelbaren Nähe des feindlichen Heeres eine letale Niederlage, zum mindesten des 3. Corps zur Folge haben konnte. Allein mir blieb dessenungeachtet, angesichts unserer kritischen Lage vor Waizen, keine andere Wahl mehr übrig, als bei dem einmal gefaßten Entschlusse zu beharren und den nächtlichen Rückzug selbst auf die obenerwähnte Gefahr hin anzutreten.

Die unerwartete Nachricht von der Anwesenheit der Wagenburg in Waizen rief demnach keineswegs eine Aenderung der bereits erlassenen Rückzugsbefehle ins Leben: wohl aber machte sie den Rücksichten ein Ende, welche meinerseits aus natürlichem Mitgefühl — hin und wieder sogar auf Kosten meiner Pflichterfüllung als Heerführer — gegen die unglücklichen Civilflüchtlinge bisher beobachtet worden.

Wie aus der vorausgeschickten Skizzirung der Situation von Waizen und seiner nächsten Environs bekannt — fließt, etwa auf Geschützertrag nördlich der Stadt, von den nahen Bergen her ein, an sich unbedeutender zwar, aber zwischen hohen und steilen Ufern eingesenkter Bach der Donau zu. Dies Terrainhinderniß lag also unmittelbar im Rücken der Armee und mußte von dieser während ihres nächtlichen Rückzuges überschritten werden. Die einzige Möglichkeit hierzu bot jene hölzerne Brücke, vermittels welcher die Poststraße von Waizen nach den obern Comitaten (unsere Rückzugslinie) den erwähnten Wassergraben übersetzt. Es ließ sich dies Terrainhinderniß zwar auch umgehen: aber zur Nachtzeit nicht ohne unvermeidliche Gefahr für die Ordnung des Rückzuges; weil die Nächte derzeit eben des Mondlichtes entbehrten, und wir, um unser Nachtmanoeuvre nicht der feindlichen Beobachtung preiszugeben, jeder Anwendung von Leuchtmitteln während desselben entrathen mußten. Zur Herstellung einer zweiten Brücke hingegen war kein Material an Ort und Stelle vorräthig; davon abgesehen, daß die noch übrige Zeit für einen, wenn auch minder großartigen, Brückenschlag mit unvorgerichtetem Material, nicht mehr ausgereicht haben würde, nachdem ich mich zu dem nächtlichen Rückzuge nur wenige Stunden vor seinem Beginne entschlossen, und früher an die eventuelle Nothwendigkeit eines ähnlichen Nachtmanoeuvres nicht gedacht hatte. Wohl führte die Armee eine den Oesterreichern abgenommene Viertelbrückenequipage mit sich: diese aber konnte, bei dem voraussichtlich heftigen Nachdrängen des Feindes, nur um den Preis ihres Verlustes zum Brückenschlag verwendet werden; und ich wollte — erwägend, von welch namhafter Anzahl nicht unbedeutender Gewässer unsere neugewählte Operationslinie durchschnitten — der Armee ihre einzige transportable Brücke für künftige möglicherweise noch kritischere Fälle erhalten. Unter diesen Umständen also mußte die gesammte Armee, bei dem nächtlichen Rückzuge aus ihrer augenblicklichen Stellung, die erwähnte Eine Brücke passiren. Dies war nun gleichwohl mit keinen ungewöhnlichern Schwierigkeiten verbunden als überhaupt die Bewerkjtellung irgend eines nächtlichen Rückzuges auf einer einzigen Fahrstraße. Es galt ja blos: jedweder Stockung vorzubeugen! — Allein eben diese Aufgabe — bei einer geregelten und aller überflüssigen Fuhrwerke entlasteten mobilen Streitmacht schon allein durch die Wahl einer Marschordnung lösbar, deren Breite jene des zu passirenden De'file nicht überragt — schien mir bei der Anwesenheit mehrer tausend fuhrwerkelnder Flüchtlinge, deren jeder einzelne nur auf seine eigene Rettung bedacht, stets zu allererst dort sein wollte, wo ihn der, allen gemeinschaftliche, strategische Instinct aus der jeweiligen Richtung der Truppenbewegungen die meiste Sicherheit vor Feindesgefahr herauswittern ließ: — bei der Anwesenheit solcher Elemente und in solcher Anzahl — schien mir die Aufgabe, während des nächtlichen Rückzuges jedweder Stockung vorzubeugen, eine, ohne Anwendung drakonischer Maßregeln gegen die unglücklichen Flüchtlinge, schlechterdings unlösbare.

Bei Anbruch des nächstfolgenden Tages (des 17. Iuli) war ich indessen leider bereits um die trostlose Erfahrung reicher, daß jene Aufgabe trotz aller drakonischen Maßregeln — an welchen ich es die Nacht über gleichwohl nicht hatte fehlen lassen — ungelöst geblieben.

Kaum hatte das 7. Corps am Abende des 16. Iuli den Rückzug mit dem Defiliren über die wiederholt genannte Brücke eröffnet: als auch das Heer der fahrenden Flüchtlinge, die Bedeutung jenes Manoeuvres sogleich errathend, sich von seinen, theils im Innern der Stadt, theils nördlich derselben, in der nächsten Nähe des 7. Corps, gewählten Lagerplätzen gegen die rettende Brücke in Bewegung zu setzen begann. Zur Abwehr des seitlichen Zudranges auf die Chaussee, zur Freihaltung der letztern für die Truppen, dienten Hussarenspaliere. Mit der zunehmenden Dunkelheit, mit der steigenden Sehnsucht der Geäng- steten nach dem rettenden Ienseits der Brücke, wurde der Dienst jener Spaliere immer schwieriger, und diese im Laufe der Nacht an mehren Stellen wiederholt durchbrochen. Bei jedem Durchbruch war die Chaussee im Nu mit Fuhrwerken vollgepfropft. Den Strom rückfließen zu machen lag außer dem Bereiche jeder Möglichkeit. Kaum gelang es, ihn längs der Chausse'e immer wieder nachhaltig abzudämmen. Was sich von Equipagen aller Art in Folge ähnlicher Durchbrüche nun einmal auf der Chaussee befand, mußte, um noch längerm Aufenthalte vorzubeugen, jedesmal möglichst rasch geordnet und unbedingt in die Marschcolonne der Truppen selbst mit aufgenommen werden. Die gleichwohl unabweisliche Anwendung dieser Maßregel aber ward nun vollends eine Quelle der allerhäufigsten und anhaltendsten Stockungen; denn kaum hatten die bei den wiederholten Spalierdurchbrüchen vom Zufall begünstigten Flüchtlinge die Brücke passirt: so verriethen sie durchaus keine Eile mehr. Vorläufig erlöst von den Qualen der Angst um die eigene Haut, fanden sie bald den süßesten Trost für die jüngst überstandenen Leiden in einem gesunden Schlaf. Ihre Locomotive hatten begreiflicherweise noch viel weniger Grund, ohne äußern Impuls hierzu, der Rast und Ruhe noch ferner zu entsagen; und selbst den Truppen war die Veranlassung, mitten auf der Straße ein kurzes Bivouac zu improvisiren, nicht immer unwillkommen.

Nach Mitternacht sollten bekanntlich das 7. Corps, der Armeetrain, das 1. Corps und die Colonne Armin Görgei bereits nicht nur die Brücke, sondern auch schon die Straßenserpentinen über den Waizener Berg, passirt haben. Anstatt dessen nun waren dagegen selbst mit Tagesanbruch (des 17. Iuli) außer dem 7. Corps nur ein Geringtheil vom Armeetrain und dem 1. Corps über die Brücke gekommen. Der größte Theil des Armeetrain konnte — dicht umstellt von den verhängnißvollen Privatequipagen — nicht einmal flott gemacht werden: der Rest des 1. Corps hingegen, gefolgt von der Colonne Armin Görgei, erkämpfte sich eben erst einen Durchzug durch das weit bis in die Stadt zurückreichende Wagengedränge.

Am äußersten nördlichen Ende der Stadt Waizen geht von der Poststraße, quer über die unmittelbar neben derselben hinziehende Eisenbahn, ein Fahrweg in östlicher Richtung ab, auf welchem man gleichfalls, obschon viel beschwerlicher denn auf der Poststraße selbst, nach Re'tsäg und Vadkert gelangen kann.

Nebst der Poststraße gedachte ich ursprünglich auch diese Nebencommunication zwischen Waizen und Vadkert zur Ausführung des nächtlichen Rückzuges zu benutzen. Doch lenkte mich hiervon die Erwägung ab, wie bei der anfangs divergirenden Richtung beider Communicationen die Armee just während der meist kritischen Momente des Rückzuges in zwei von einander durch meilenweite Entfernung und unwegsames Gebirgsland isolirte Colonnen getheilt bliebe. In der Folge — unterrichtet von der ebenso fatalen als unerwarteten Anwesenheit der fahrenden Civilflüchtlinge in Waizen — meinte ich den erwähnten Fahrweg mindestens zur unverweilten Wiederentfernung jener Unglücklichen aus dem Manoeuvrirbereiche der Truppen benützen zu können. Allein auch dies ging nicht wohl an: denn die ganze Masse der Privatfuhrwerke hätte, um jenen Fahrweg zu gewinnen, die Poststraße quer und zwar — wegen der Eigenthümlichkeit der Loealverhältnisse — in einer einzigen einfachen Wagencolonne überschreiten müssen; hierdurch aber wäre der Rückzug der in der Position südlich von Waizen lagernden zwei Drittheile der Armee um mindestens 5 bis 6 Stunden verzögert, also die Möglichkeit, ihn nächtlicherweile zu bewerkstelligen, in vorhinein preisgegeben worden. Die wiederholt genannte Neben' communication zwischen Waizen und Vadkert mußte somit die ganze Nacht über unbenutzt bleiben. Nun aber war das Heer der Privalequipagen, aller Gegenmaßregeln ungeachtet, bereits im unumschränkten Besitze der Poststraße, folglich die Benutzung jener Nebencommunication nunmehr geradezu geboten, um die auf der Poststraße dicht zusammengedrängte Wagenmasse den nachrückenden Truppen je schneller aus dem Wege zu räumen.

Der strategische Jnstinct der fahrenden Civilflüchtlinge sträubte sich jedoch gegen die Zumuthung, auf einem Wege Rettung zu suchen, auf welchem noch keine Truppen vorangegangen. Die Furcht, auf demselben der schützenden Nähe der Armee für immer entrückt zu werden, — die fire Idee „nur wer die Brücke passire, sei gerettet!" hatten einen allgemeinen passiven Widerstand zur Folge, dessen Ziel die Behauptung der Poststraße war, dessen Zähigkeit der härtesten Zwangsmaßregeln spottete.

Uebersichtlich gegeben war sonach die im Vorhergehenden bereits skizzirte Situation des Großtheils unserer Armee um Tagesanbruch des 17. Iuli etwa folgende:

Eine Hälfte vom 1. Corps, unmittelbar gefolgt von der Colonne Armin Görgei, im Innern der Stadt, durch ein buchstäblich unabsehbares Wagengedränge nicht nur an der Fortsetzung des Rückzuges, sondern in ihren Bewegungen überhaupt allseitig gehindert; das 3. Corps hingegen außerhalb der Stadt — zur Hälfte auf dem Eisenbahndamme in einer einzigen, langen schmalen Marschcolonne formirt, — zur Hälfte abtheilungsweise längs dem Gombäsbache gegen die Eisenbahn herabziehend; von den genannten Heeresabtheilungen also, ungeachtet der drohenden Nähe des Feindes, nur die letzterwähnte Hälfte des 3. Corps schlagsettig, allein auch sie momentan außer Stand, irgend etwas Erhebliches für die Deckung der im Innern der Stadt eingekeilten Colonnen zu leisten.

Zum Ueberfluß hatte General Nagy-Sändor vor dem Abrücken aus der Position südlich von Waizen, seine Vorposten eingezogen und hierdurch einen feindlichen Ueberfall ermöglicht.

Im ersten Grauen des Morgens brachen einige russische Cavallerieregimenter gegen die frühere Position Nagy-Sändor's vor und gelangten, da sie nirgends auf Widerstand trafen, unaufgehalten und unsererseits unbemerkt, etwa auf die Höhe von Hetkäpolna. Hier standen sie bereits im Rücken der vom Colonnencommandanten Armin Görgei — den Dispositionen gemäß — vor seiner geräumten Position zurückgelassenen Vortruppen.

Zwar entdeckten die Letztem den drohenden Angriff noch immer früh genug, um einer Ueberraschung ihres wie erwähnt schon auf

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