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Nun aber der Feind — wie bekannt — die Niederwaag nicht überschritten, sondern vielmehr im Laufe des 22. Iuni eine Bewegung seiner Hauptcolonne flußabwärts wahrnehmen ließ, durch welche hinwieder meine ursprüngliche Voraussetzung einer feindlicherseits bei Freystadl und Schintau beabsichtigten Offensive an Wahrscheinlichkeit gewann, und die für diesen Fall berechneten Defensivbewegungen der einzelnen Heeresabtheilungen theils selbstverständlich, theils bereits angegeben waren: so erschien auch meine persönliche Gegenwart, als Obercommandant, auf dem Kriegsschauplatze für die nächsten Tage minder unerläßlich; während eben die Conseqnenzen der in Aszöd erhaltenen unheimlichen Berichte, über den nunmehr ernsten Beginn der russischen Invasion en z;i«s, mich unabweislich nach den Hauptstädten zu eilen nöthigten.

Diese Berichte nämlich führten mich bei näherer Betrachtung — da von einer gleichzeitigen Vorrückung der Russen aus der Arva gegen die Bergstädte nichts verlautete — zu der Vermuthung, als ob die Operationen der russischen Hauptmacht blos auf der Linie von Dukla über Kaschau eröffnet werden sollten.

In diesem Falle war — bei meinem Entschlusse, die letzte Wahlstatt des Kampfes für Ungarn auf das rechte Donauufer zu verlegen — die unverzügliche Räumung des linken geboten, ungeachtet der von der Waag her erwarteten Offensive der Oesterreicher.

Iedenfalls aber bedurften jene Berichte noch der Bestätigung. — In den Hauptstädten, wo alle Nachrichten, aus den Operationsbereichen der nicht zur Hauptarmee zählenden Heerestheile, zuerst eintrafen, hoffte ich der peinlichen Ungewißheit, welcher mich die erwähnten Berichte preisgegeben, am schnellsten loszuwerden. Auch mußte ich Kossuth für die Beschränkung der letzten Kämpfe auf das rechte Donauufer sofort zu gewinnen trachten: so der Einbruch der russischen Hauptarmee in Ober-Ungarn wirklich stattgefunden.

Am 23. Iuni früh verließ ich Guta, um nach Ofen-Pest zurückzukehren, traf jedoch — durch die nicht ferner aufschiebbare Erledigung einiger Dienstgeschäfte in Dotis (dem damaligen Sitze der Central operationskanzlei), aufgehalten — erst am 24. in den Hauptstädten ein.

Am 26. endlich waltete — nach der Relation des General Vysocki über das erste bedeutende Gefecht, welches er den Russen zwischen Eperjes und Kaschau mit unserer Nordarmee geliefert, und in Folge dessen die letztere fortan ohne Widerstand gegen Miskolcz zu retiriren genöthigt war — kein Zweifel mehr ob, daß auf der Linie von Dukla über Kaschau die ungetheilte Hauptmacht der Russen (angeblich bei 60 bis 70,000 Mann) unaufhaltbar in das Innere des Landes vordringe.

Gleichzeitig waren aus Siebenbürgen die an den Nord- und Südgrenzen des Landes erfolgten Einbrüche ansehnlicher russischer Heeresabtheilungen angezeigt worden.

Der Einbruch der russischen Hauptmacht in Ungarn entblößte mit einem Male jedweder praktischen Bedeutung alle meine, im Interesse der Wiederherstellung der Constitution vom Iahre 1848, gegen das fernere Fortbestehen der Unabhängigkeitsacte vom 14. April 1849 gerichteten Bestrebungen.

Die Contrerevolution, gleichviel ob sie von der Armee, ob vom Reichstage ausginge, konnte sich nun, angesichts der von der russischen Hauptarmee bereits, und noch dazu fast ohne Schwertstreich, geräumten Länderstrecken, nicht einmal mehr — wie ich's durch die soeben gescheiterte Offensive gegen die Oesterreicher zu ermöglichen versucht — über das moralische Niveau der Noth buße erheben; nicht zu gedenken der, unter den erwähnten Conjuncturen handgreiflichen, Erfolglosigkeit jenes „letzten Rettungsmittels".

Zur Rettung Ungarns konnte von nun an nur Eines noch führen: die Ueberwältigung der alliirten Invasionsheere!

Ob Ungarn für sich allein dieser Aufgabe gewachsen?

Meine Ueberzeugung als Soldat verneinte dies unbedingt; und die Frage „wie Ungarn dennoch zu retten" hielt ich bereits für eine müßige. — Sie war's wohl längst! — Und daß ich dies überhaupt erst jetzt erkannt, daß ich bisher, die Leichtgläubigkeit Iener, die einer Hilfe von außen mit Zuversicht entgegensahen, belächelnd, selbst nicht minder unwahrscheinlichen Voraussetzungen Raum gegeben, ja durch den Einfluß der letztern mich sogar in meiner strategischen Thätigkeit als Führer der Hauptarmee beirren ließ: — darin eben lag die vorzüglichste Ursache der unläugbaren Halbheit meines öffentlichen Wirkens nach dem 14. April 1849.

Längst hätte ich erkennen sollen, wie es von dem Augenblicke an, in welchem die österreichische Armee sich mit der Aussicht auf die Hilfe der russischen zu trösten begann, für die Verfechter der constitutionellen Gerechtsame Ungarns nur Eine Frage zu lösen gab: — die Frage der Verzweiflung nämlich, wie der Todfeind noch mit der letzten convulsivischen Kraftanstrengung am empfindlichsten zu treffen wäre.

Längst hätte ich all mein Sinnen und Trachten ausschließlich der Lösung dieser Einen Frage zuwenden sollen, unbekümmert ob die Verfassung vom Iahre 1848, ob die Unabhängigkeitsacte vom 14. April 1849 das Panier sei, unter welchem die letzten Streiche gegen den ursprünglichen Feind Ungarns geführt würden.

Schmerzlich empfand ich den Verlust der unbenutzt verstrichenen Monate.

Nun zählte ich die Eristenz Ungarns nur mehr nach Wochen.

Diese mindestens sollten nicht unbenutzt verstreichen. — Auch genügten Wochen zur Ausführung eines letzten verzweifelten Entschlusses.

Am Abende des 2«. Iuni berief Kossuth die Minister zur Berathung dessen, was nun zu thun sei.

Es war dies der letzte Ministerrath, welchem ich als Kriegsminister beiwohnte.

Die Sitzung begann mit der Vorlage der — wie erwähnt — aus Siebenbürgen und Ober-Ungarn, über die unerwartet raschen Fortschritte der russischen Waffen, eingetroffenen Berichte. — Diese wurden der Versammlung vollen Inhaltes mitgetheilt. Hierauf legte Kossuth die Frage, was die Regierung nun beginnen solle, zunächst mir zur Beantwortung vor.

„Vor Allem" — so lautete mein Antrag — „säume die Regierung nicht länger, die ganze Größe der über Ungarn hereinbrechenden Gefahr vor dem Volke zu enthüllen, und wär's auch nur, damit das letztere von dem schmachvollen Loose der Unterjochung nicht im Taumel vorfrüher Siegeszuversicht überrascht werde."

„Zugleich aber rüste sich die Regierung, für das Princip, das sie bisher vertreten, persönlich einzustehen! — Sie gebe dem letzten Kampfe für Ungarns Selbständigkeit, durch ihre unmittelbare Theilnahme an demselben die wahre Bedeutung einer nationalen Nothwehr auf Leben und Tod! — Sie erkläre sich ambulant, und schließe sich der Hauptarmee an, um mit dieser für Ungarn zu stehen und zu fallen!"

„Sie erkenne ferner die Unmöglichkeit, mit den vorhandenen Mitteln der russischen und österreichischen Armee zugleich obzusiegen; und beginne sofort die Zusammenziehung sämmtlicher Streitkräfte auf dem rechten Donauufer zu einem letzten Schlage gegen Oesterreich: das Vordringen der russischen Armee hingegen trachte sie blos durch versuchsweises Anknüpfen friedlicher Unterhandlungen zu verzögern."

„Mislingt das letztere: so mögen die preisgegebenen Theile des Landes immerhin von den Russen besetzt werden."

„Wenn Ungarn den vereinten Angriffen Rußlands und Oesterreichs unterliegt, so ist's am Ende gleichgültig, welchem von beiden es zunächst als Beute anheimfällt: aber nicht gleichgültig ist's, welches von beiden unser letzter verzweifelter Rückschlag treffe."

„Die Gerechtsame der Nation sind ursprünglich von Oesterreich, nicht von Rußland, feindlich angegriffen worden."

„Die Regierung erwäge dies, und führe von nun an Streich auf Streich gegen Oesterreich allein, so lange die Ferne der Russen dies noch gestattet I"

Ich hatte zu sprechen aufgehört, und Kossuth ergriff nun wieder das Wort.

Er stimmte dem ersten Punkte meines Antrages unbedingt bei, nämlich: die Gefahr, in welcher Ungarn schwebt, nicht länger vor der Nation zu verheimlichen. — Die Nation — meinte er — habe bis nun meist nur einen wohlfeilen Enthusiasmus zur Schau getragen, — gethan habe sie für ihre Befreiung wenig oder nichts. Nun wähle sie zwischen Knechtschaft und mannhafter Gegenwehr.

Ich konnte nicht absehen, wo Kossuth mit diesen überraschenden Ausfällen gegen die Nation hinauswolle.

Meiner Ansicht nach hatte die letztere kaum weniger geleistet, als von irgend einem Volke der Erde unter den gleichen Verhältnissen wäre geleistet worden. Am allerwenigsten aber stand es Kossuth zu, sich über die Nation, oder „das Volk" — wie er sich auszudrücken pflegte — zu beklagen.

Verdiente dasselbe auch im Allgemeinen den Tadel, von seiner Unüberwindlichkeit immer noch mehr geträumt, als für die Bewährung derselben gethan zu haben: so hatte doch Kossuth kein Recht, diesen Tadel auszusprechen. War's doch er selbst, der dem Volke glauben gemacht, daß es nur die Sensen geradezurichten und sich planlos zusammenzurotten brauche, um den Feind zu vernichten.

Freilich ließ den Russen gegenüber das Volk sogar die Sensen ruhen. Allein auch hierüber durfte Kossuth demselben keine Vorwürfe macheu: denn er selbst hatte ihm ja die Uebung im Fasten und Beten als besonderes Präservativ gegen die Russen officiell anempfohlen, und durch diese Regierungsmaßregel den entmuthigenden Wahn heraufbeschworen, die Russen seien etwas Aehnliches, wie Pestilenz und Hungersnoth, gegen die sich mit Wehr und Waffe nichts ausrichten ließe.

Ich war also — wie gesagt — im Unklaren über das Ziel, nach welchem Kossuth mit dem — bei der beispiellos gläubigen Ergebung der Nation in seinen Willen — unerwarteten Ausfällen gegen dieselbe einlenken wolle. Er schien für meinen Antrag das Wort ergriffen zu haben; mein Antrag aber enthielt nur nachstehende drei Forderungen:

1) Aufklärung der Nation über die wahre Sachlage Ungarns,

2) Persönliches Einstehen Kossuth's und der Minister für das Princip der Volksbefreiung,

3) Einen letzten verzweifelten Schlag gegen Oesterreich.

Was sollten nun Kossuth's Ausfälle gegen die Nation — angesichts dieser drei Forderungen?

Fühlte er vielleicht blos ein dringendes Bedürfniß, seinem gepreßten Herzen in irgend einer Weise Luft zu machen? Oder:

Sollten etwa jene Ausfälle den Schluß herbeiführen, die Nation sei nicht würdig, daß Kossuth für ihre Sache persönlich einstehe?

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